Baden-Württemberg e.V. Region Karlsruhe

Aktuelles

Biografie-Arbeit in den Häusern des ASB: Gegen das Vergessen ist ein Kraut gewachsen | Pflegende berichten zum Welt-Alzheimertag

„Vieles, was wir täglich tun, hat zum Ziel, Persönlichkeiten wachzurufen und Identitäten zu erhalten“, sagt der Leiter des Pflegezentrums Josefshaus in Ubstadt. ASB-Kollegen, die sich wie Kurt Stahl um die Pflege von Senioren kümmern, berichten, mit welchen Mitteln sie im Alter gegen das Vergessen arbeiten.

Bildergalerie

Anlass: ist der Welt-Alzheimertag am 21.9.

Eine Szene aus Karlsruhe-Neureut: Ermuntert von der Leiterin der ASB-Tagespflege greift eine Seniorin zur Schere, schneidet auf Pappe eine vorgezeichnete Figur aus. „Keiner hatte ihr das mehr zugetraut, am wenigsten sie selbst“, sagt Melanie Dopf, die Pflegedienstleiterin.

Durch den kleinen Erfolg scheint die Frau, die in ihrer Freizeit zeitlebens genäht und geschneidert hat, mit einem Mal auch für die weiteren Anwesenden im Raum wie wachgerufen. Empathie und Zuspruch machten das möglich.

Dopf berichtet, wie es weiter ging: „Als ich das bei der nächsten Gelegenheit der Tochter der Frau erzählte, hatten wir beide Tränen in den Augen.“

Kleine, bewegende Erfolge erleben die in den Häusern des ASB für die Pflege verantwortlichen Teams immer wieder. Kurt Stahl in Ubstadt sieht darin ein „Ergebnis konsequent angewandter Biografie-Arbeit“ und erläutert: „Fühlen, tasten, alte Bilder erkennen etwa von ehemaligen Wohnorten der Bewohner, Gehörmemory, also Alltagsgeräusche erkennen und benennen, all das gehört bei uns dazu.“

Sinne rufen das Erinnern wach

Wer mit dem Leiter des ASB-Josefshauses in Ubstadt-Weiher spricht, schöpft Hoffnung, dass es möglich ist, Alzheimer zu parieren: „Gegen das Vergessen ist ein Kraut gewachsen“, sagt Stahl und betont dabei das Verb, „sogar viele Kräuter!“ Das Spektrum reicht von Singen über Kino-Nachmittage bis hin zu Wellness-Tagen. „Vieles davon bieten wir an, um die Sinne anzuregen und so das Erinnern wach zu rufen“, so Kurt Stahl.

Biografie-Arbeit in dem von ihm geführten Haus darf man sich so vorstellen: Es gibt eine „Teezeit“, ein Zusammentreffen von Bewohnern, Angehörigen und Betreuungskräften über die Wohnbereiche, die Zuhause und Rückzugsraum sind, hinweg. „Bei Kaffee oder Tee und Kuchen kommt immer etwas in Gang“, schildert Stahl. „Man erzählt, tauscht sich aus, erfährt etwas vom Anderen, der sich dabei selbst Inhalte seines Lebens bewusst macht.“

Wichtig bei allen Angeboten sei „die Atmosphäre im Raum.“ Täglich wird in den hellen, freundlich gestalteten Räumen des Josefshauses irgendwo gesungen.

Je nach Hintergrund der Bewohnerschaft kommen unterschiedliche Facetten zum Tragen, die zur Lebensstruktur der in die Jahre gekommenen Menschen gehörten. Kurt Stahl: „Gottesdienste verschiedener Konfessionen zählen für viele dazu. Was alle verbindet, ist Bewegung zu Musik, bei schönem Wetter auch auf unserer Terrasse mit Blick ins Grün vom Bürgerpark.

Auch Gesellschafts- und Tischspiele, die Außenstehenden wie Beschäftigungs-Therapie anmuten können, gehören dazu.“ Warum? „Die regen Geschicklichkeit und Motorik an.“ Sprichwörter vervollständigen, über Bilder ins Erzählen kommen: Diese Spielarten von Gedächtnistraining, wie Kurt Stahl sie nennt, bringen Teams des ASB e.V. Region Karlsruhe beinahe täglich zum Einsatz – ob in den Seniorenresidenzen, den Tagespflegen oder den Anlagen mit Betreutem Wohnen des Arbeiter-Samariter-Bundes.

Gefragt nach kleinen Highlights nennt Stahl die „Kino-Nachmittage, an denen wir alte Filme zeigen, die sich unsere Bewohner wünschen oder die „Wellness-Tage im Josefshaus: Die Massage von Füßen und Händen erzielt speziell bei Dementen eine basale Stimulation, wie wir in der Pflege sagen.“ Bereits vier Jahrzehnte umfasst seine Erfahrung in der Altenpflege.

Im Mittelpunkt: Beziehungen und Wertschätzung

Dr. Andreas Bröker, Geschäftsführer für die Region Karlsruhe im Arbeiter-Samariter-Bund Baden-Württemberg e.V., greift den Gedanken auf, dass „statt der Krankheit, die viele betreffen und betroffen machen kann, der Mensch im Mittelpunkt steht.“

Und er ergänzt: „Jeder möchte doch auch im Alter soweit wie möglich Normalität leben. Persönlichkeit, Wünsche und Bedürfnisse verdienen Wertschätzung und Respekt. Ich freue mich, dass unsere natürlich professionell geschulten Kollegen für diesen Anspruch stehen und dass uns wie in Ubstadt so viele ehrenamtliche Helfer mit regelmäßigen Besuchen dabei unterstützen! Denn Beziehungen wirken positiv und machen Lebensqualität aus.“

Experten aus Pflegewissenschaft und -praxis stellten zuletzt heraus, wie wichtig es ist, dass Menschen im Alter vernetzt sind. Ein über zwei Jahre erarbeiteter Expertenstandard trägt den Titel: „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“.

Solche Leitlinien wie die des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege hat das Team vom Qualitätsmanagement Soziale Dienste beim ASB Karlsruhe stets im Blick. Ziel der Angebote für pflegebedürftige Menschen mit Demenz sei es, dass diese das Gefühl haben, gehört, verstanden, angenommen und mit Anderen verbunden zu sein, heißt es beim ASB.

Zu unseren Fotos

Foto 1 | Hochbeet in Karlsruhe-Neureut: Der Duft der Kräuter, die Melanie Dopf hier am 8. Mai pflanzte, rufen bei vielen Gästen der ASB-Tagespflege bis heute schöne Erinnerungen an früher wach. 

Foto 2 | Alte Fotografien in Ubstadt: Elisabeth Herzog vom Heimbeirat im ASB-Josefshaus wirkt mit am lebendigen Austausch unter den Bewohnern. Bilder von früher, sagt sie, helfen, um ins Erzählen zu kommen. Unser Foto zeigt sie vor dem Festakt zum Zehnjährigen am 30. Juni.